Narben

Die Physiologie der Heilung. Warum Narben mehr als nur Haut sind!

 

Die Knie-OP ist gut verheilt. Das Röntgenbild ist einwandfrei. Aber er läuft trotzdem nicht rund und geht oft nur auf 3 Beinen. 

 

Wenn du das schon einmal gesehen oder sogar erlebt hast, bist du nicht alleine. Und nein! Das bedeutet nicht automatisch, dass die Operation misslungen ist oder dass sich der Hund anstellt. Sehr häufig ist der Grund tiefer und nicht direkt sichtbar. Die Narbe. 

 

Viele Narben verkleben und zwar nicht nur oberflächlich, sondern eher tief innen. Eine Narbe entsteht nicht „nur“ in der Haut. Eine Operation oder eine tiefe Verletzung betrifft meistens mehrere Gewebeschichten:

  • Haut (Epidermis/Dermis)
  • Unterhaut (Subkutis mit Fettgewebe, Gefäßen, Nerven)
  • Faszien-Schichten (oberflächliche und tiefe Faszien)
  • Muskelhüllen (Epimysium/Perimysium)
  • manchmal Sehnen/Sehnenscheiden
  • oder Gelenkkapsel-Anteile und die Knochenhaut

 

Nach einer Operation verläuft die Wundheilung grob in drei Phasen:

  1. Entzündung (Reinigung, Schmerzmediatoren, Schwellungen)
  2. Proliferation (Kollagenaufbau, Neuaufbau von Gewebe)
  3. Umbau und Orientierung des neuen Gewebes entlang der Belastung

 

Und genau hier liegt der Knackpunkt: Das neue Gewebe mit dem Kollagen wird anfangs eher „wild“ angelegt. 

 

Damit jedoch eine Narbe elastisch wird und sich gut in eine Bewegung integrieren kann, benötigt sie:

  • eine gezielte Narbenbehandlung
  • eine gute Durchblutung und Lymphdrainage
  • eine gezielte Mobilisierung bis in Tiefe
  • eine gut dosierte, passende Bewegung: nicht zu viel, nicht zu wenig

 

 

Wenn die Bewegung zu früh zu stark ist, reagiert das Gewebe und wird „dichter“. Wenn Bewegung zu wenig ist, weil man Angst vor der Belastung hat, den Hund zu lange schont, nicht ausreichend bis in die Tiefe mobilisiert, dann fehlt der physiologische Reiz für die richtige Ausrichtung des neuen Gewebes. 

 

Ergebnis: Die Schichten gleiten nicht mehr frei, es entstehen Verklebungen (Adhäsionen) zwischen den einzelnen oberflächlichen und auch tiefen Gewebeschichten.

 

Was heißt "verklebt" konkret?

Bei einer verklebten Narbe:

 

  • kann das Gleiten zwischen Haut-Unterhaut-Faszie nicht richtig funktionieren und die Bewegung ist eingeschränkt
  • kann der Zug zwischen den Faszienzügen erhöht sein, so dass dies im ganzen Körper zu veränderten Bewegungen führt
  • die Durchblutung kleiner Gefäße und einzelner Organe (Mikrozirkulation) kann negativ beeinflusst werden, so dass ein Teil sich z.B. taub anfühlt
  • kann Nerven im ganzen Körper irritieren, so dass es bei einer Berührung zu einer Überempfindlichkeit oder einer Abwehr kommt
  • kann die Propriozeptionssignale (Gefühl für die Stellung) verändern, so dass dein Hund seinem Bein nicht „traut“ 

 


Und dann passiert etwas, dass Verkettung heißt.

Die Verkettung (kinetische Kette), kippt das ganze Standbild und Gangbild. Ausgelöst von einer einzigen einfachen Narbe.

Stelle dir den Körper als System von Ketten vor. Wenn am Knie z.B. nach einer TPLO Operation oder nach einer Meniskus-Operation, ein Narbe einen Gewebezug erzeugt, kann dies:

 

  • die Kniebeugung beschränken → der Hund verkürzt die Schwungphase
  • die Pfotenstellung verändern → mehr Innen-/Außenrotation
  • die Hüfte anders belasten → Gesäßmuskeln (Glutealmuskulatur) werden einseitig „dicht“
  • den Rücken „spannen“ → LWS/ISG versuchen auszugleichen und verhärten und der Brustkorb rotiert
  • die Vorderbeine überlasten → Schulter/ Ellenbogen bekommen mehr Druck und können schmerzen

 

Du siehst, selbst wenn der Knochen perfekt verheilt ist, kann das System durch Verkettungen verschiedene Bereiche und Nerven beeinträchtigen, so dass dein Hund automatisch weiterhin im „Schutzmodus“ läuft.

 

Was du konkret tun kannst.

Warte nicht auf eine Anleitung, sondern fange direkt selber an, nach einer Operation die Narbe zu pflegen und bestmöglich zu entstören. 

Auch ältere Narben kannst du mobilisieren und massieren, damit sich dein Hund wieder frei bewegen kann. Es ist nie zu spät zu beginnen. Dein Hund wird es dir danken.

Wichtig: Kläre bitte immer vorab mit deinem Tierarzt ab, ab wann eine Narben-Pflege nach der Operation sinnvoll ist. Frische Wunden, Infektionen, nässende Stellen, starke Rötung, Hitze oder eine unerklärliche Schwellungen sind klare Stoppsignale. In der Regel kannst du eine Woche, nachdem die Fäden gezogen sind, also circa 3 Wochen nach der Operation starten. Ist die Narbe jedoch noch gerötet oder nässt leicht, dann empfehle ich dir kolloidales Silber, welches Bakterien, Viren und Pilze bekämpft. Um die Heilung zu beschleunigen, sprühe es mehrmals täglich mehrmals dünn auf die Narbe.

1. Narbe pflegen

Starte, wenn die Narbe gut verheilt ist mit der Pflege der Narbe.

Creme sie leicht ein, damit sie an Feuchtigkeit gewinnt. Diese erste Berührung ist bereits eine sanfte Narbenmassage, die auch die Durchblutung anregt und die oberflächliche Elastizität fördert.

Dafür empfehle ich dir Baobaböl, die viel Feuchtigkeit und wenig Fett enthält. Nehme nur 1 bis 2 Tropfen für eine ca. 10 cm lange Narbe und verreibe das Baobaböl vorsichtig und gleichmäßig.

Wiederhole dies gerne alle 2 Tage für mindestens 4 Wochen. Sollte die Narbe aufweichen, verlängere die Zeit bis zum nächsten Einreiben.

2. Narbe mobilisieren

Je nach Heilungsphase und Empfindlichkeit gibt es verschiedene Techniken mit der du die Narbe mobilisieren kannst.

Mit der Mobilisation förderst du die Gleitfähigkeit, die Durchblutung und die sensorische Normalisierung (Berührungsreize, um eine Überempfindlichkeiten abzubauen).

 

Oberflächliches Desensibilisieren

 Es kann sein, dass die Narbe und der Bereich um die Narbe herum sehr empfindlich oder aber taub ist. Streiche sanft mit deinen Fingerspitzen über die Narbe und um die Narbe herum. Alternativ kannst du auch Watte verwenden. Führe immer nur sehr kurze Einheiten aus, die dein Hund positiv verknüpfen kann. Unterstütze dies mit deiner ruhigen Stimme oder leckeren Keksen.

 

Hautverschieblichkeit

Oft ist die Haut rund um die Narbe sehr fest. Um die Verschieblichkeit und die oberen Faszienverläufe zu verbessern, legst du deine flache Hand oder mehrere Finger flächig auf die Narbe. Erhöhe ganz leicht den Druck und versuche die Narbe sanft zu allen Seiten zu verschieben.

 

Querfriktionen

Wenn die Narbe gut verheilt ist und dein Hund die Berührung toleriert, führst du kleine, kontrollierte Bewegungen quer zur Narbenrichtung durch. Nutze einen oder zwei Finger und drücke etwas in die Tiefe und bewege ihn dann quer über die Narbe. Dies verbessert die lokale Durchblutung, löst erste tiefere Verklebungen, fördert die Kollagensynthese und reduziert Schmerzen. Die Querfriktionen könnten anfangs unangenehm sein, daher starte ganz sanft. Führe diese zweimal täglich für 30 bis 60 Sekunden aus, damit die Kollagenfasern lernen wieder „geordnet“ zu gleiten. Hier gilt: Weniger ist mehr.

 

Narbenanhebung

Hebe die Narbe vorsichtig an, nicht ziehen, nicht zerren und schiebe sie minimal in verschiedene Richtungen. Am Anfang können es nur wenige Millimeter sein. Wenn du dies einmal täglich für 1 bis 2 Minuten machst, lösen sich weitere Verklebungen zwischen den Schichten und du kannst nach und nach die Haut höher abheben. Sollte dein Hund dabei eine Abwehrreaktion zeigen oder Schmerzen haben, dann reduziere die Häufigkeit und die Intensität.  

 

Rollungen

Nimm die Haut und Unterhaut rund um die Narbe ganz sanft zwischen Daumen und Zeigefinger und führe kleine Rollbewegungen neben der Narbe aus. Später dann leicht quer zur Narbe und zum Schluss längst der Narbe. Die Haut sollte nach einigen Wochen auch in den tieferen Schichten „mitwandern“ können. Beginne damit erst nach etwa 4 Wochen nach dem Fäden ziehen. Versuche die Rollungen einmal täglich für 2 Minuten durchzuführen. Sollte dein Hund dies nicht tollerieren, dann bleibe noch etwas bei der Narbenanhebung.

 

Nach der Mobilisierung wäre es schön, wenn sich dein Hund kurz bewegen könnte. Dies fördert noch einmal die von dir aktivierte Narbenbeweglichkeit. Ein kurzer ruhiger Spaziergang ist ideal.

Achte am nächsten Tag beim Spaziergang auf deinen Hund: wirkt dein Hund freier oder empfindlicher? Das ist wichtiges Feedback, um die Mobilisierung anzupassen.

3. Narbe Gitterpflaster

Gitterpflaster werden häufig eingesetzt, um einen leichten Schiebe-Lifting-Effekt zu erzeugen.

Das bedeutet, dass bei jeder Bewegung automatisch kleine Mikrobewegungen zwischen Haut und Faszie durchgeführt werden.

Die Sensorik wird beeinflusst, da das Nervensystem sehr viele Rückmeldungen bekommt.

Und durch den Zug in alle Richtungen werden Impulse zum Lösen des Untergewebes gesendet. Oft wird dies begleitet von einer besseren Toleranz bei Berührungen, einer „freieren“ Bewegung und einer reduzierten Schutzspannung in der Muskulatur.

Klebe das Pflaster bitte nur auf die intakte, nicht gereizte Haut und beobachte, ob sich dein Hund kratzt oder ob dein Hund auf den Kleber mit einer Rötung reagiert.

Platziere das Pflaster im Verlauf der Narbe, später kannst du es auch quer zur Narbe aufkleben. Lege es auf die Narbe ohne es in eine Richtung zu ziehen und reibe es faltenfrei von innen nach außen fest. Du kannst das Pflaster 5 Tage auf der Narbe lassen.

Bei der nächsten Klebung suche dir eine andere Stelle aus, damit die Narbe an dieser Stelle nicht zu sehr beansprucht wird. Es bestände sonst die Gefahr, dass diese aufweicht und sich öffnet.

4. Narbe entstören

Je nach Hund, Gewebequalität, Nervenempfindlichkeit und Operationsumfeld kann es sein, dass die Narbe professionell entstört werden muss. Ich persönlich würde es immer empfehlen.

Als Osteopathin kombiniere ich in der Praxis oft mehrere Ansätze. Dabei arbeite ich nicht „nur“ an der Narbe, sondern auch an den betroffenen Faszienzügen, am Gelenkspiel und deren Gleitflächen, dem Muskeltonus und der Gesamtstatik.

Ziel ist es, dass der Körper die Region wieder als sicher einstuft und die Bewegung nicht mehr unbewusst „bremst“.

Gerne ergänze ich dies mit dem Low-Level-Laser und einer Akupunktur. Dies unterstützt den Zellstoffwechsel um Entzündungsmediatoren zu modulieren, Schmerzempfinden zu reduzieren, und die Heilungsqualität zu verbessern. Stagnationen im Gewebe werden aufgelöst, um nach der TCVM einen freien „Fluss“ zu erhalten. Auch hier gilt: Methode, Dosierung und Timing sind entscheidend. 

Du selbst könntest die Entstörung der Narbe durch LifeWave-Pflaster (Phototherapeutische Pflaster) unterstützen. Diese sind ein zusätzlicher Baustein im Rahmen des Gesamtkonzepts (Pflege, Mobilisation, Gewebearbeit, Entstörung, Bewegung, ggf. Schmerzmanagement), jedoch keine alleinige Lösung. In der Praxis berichten viele Anwender über positive Veränderungen der Beweglichkeit und des Wohlbefinden des Hundes. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, schreibe mir über das Kontakt-Formular.

Mini-Check für dich und deinen Hund

Ist dein Hund operiert worden oder hat er durch eine Verletzung eine Narbe? Und denkst du öfters:

  • Das Gangbild ist nicht rund
  • Er steht nicht richtig, denn er entlastet immer dieselbe Seite
  • Er lässt sich nicht gerne an der Stelle anfassen
  • Er streckt sich gar nicht mehr
  • Beim Training ist er „komisch“, eine Seite ist immer fest.

Dann lohnt sich auf jeden Fall ein professioneller Blick auf die Narbe und auf die dahinter liegenden Verkettungen.

 

Benötigst du weitere Hilfe, möchtest du eine Produktempfehlung oder hast du eine Frage? Dann schreibe mir über das Kontakt-Formular.